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Psychotherapie: Integrative Gestalttherapie

Einleitung

»Der moderne Mensch … weiß … wenig von einem wirklich kreativen Leben. Stattdessen ist er ein ängstlicher Automat geworden. Seine Welt bietet ihm weit gespannte Möglichkeiten der Bereicherung und der Freude, und doch läuft er ziellos umher, weiß nicht wirklich, was er will. … Er meint allem Anschein nach, dass die Zeit des Spaßes, des Vergnügens, des Wachsens und des Lernens die Kindheit und die Jugend sind, und gibt mit der ›Reife‹ das Leben auf. Er ist dauernd in Bewegung, aber der Ausdruck seines Gesichtes zeigt einen Mangel an jedem wirklichen Interesse für sein Handeln. …Er scheint alle Spontaneität und jegliche Möglichkeit, sich direkt und neu zu fühlen und auszudrücken, verloren zu haben. Er kann sehr gut über seine Schwierigkeiten reden und sehr schlecht mit ihnen fertig werden. … Er hat den Prozess des Lebens durch psychologische und pseudopsychologische Erklärungen des Lebens ersetzt. Er verbringt endlose Stunden damit, die Vergangenheit zu rekapitulieren oder die Zukunft zu gestalten. Seine gegenwärtigen Aktivitäten sind nichts als lästige Pflichtübungen, die er hinter sich bringen muss. Zuweilen ist er sich der Tätigkeiten des Augenblickes nicht einmal bewusst.«  (PERLS 1989, S. 13).

Soweit Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie.

Gestalttherapeuten kennen die Frage: »Was ist das eigentlich, Gestalttherapie?« und die Hilflosigkeit der Antworten: ein mühsam und stotternd vorgetragener »historischer Rekurs auf Perls und die Begriffe Gestalt, Hier–und–Jetzt und Phänomenologie mit ›theoretischen‹ Attacken auf die vergangenheitsfixierte Psychoanalyse.« (FRÜHMANN, 1991. S. 354).

Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie

Friedrich Solomon Perls, M. D., Ph. D. wird 1893 als drittes Kind einer unerquicklichen Ehe im jüdischen Ghetto von Berlin geboren.

Seine lebenslange Begeisterung für alle Kunst geht zurück auf die häufigen Besuche von Theater, Oper und Museum in Begleitung der Mutter. Fritz, der schon als Kind mit Freunden in den Straßen und vor den Eltern in der Nachbarschaft Theater spielt, begegnet als Heranwachsender in Max Reinhardt, dem berühmten Schauspieler und Regisseur, erstmals einem »kreativen Genie«. Er arbeitet neben dem Gymnasium viele Stunden in der Woche für ihn und lernt, Echtheit im Ausdruck zu schätzen und subtil auf Kongruenz oder Unstimmigkeit in Pose, Mimik, Gestiken und Stimmen zu achten.

Perls lässt sich nach Medizinstudium und Assistentenzeit als Neurologe und Psychiater nieder. Er bleibt offen für die Welt und schließt sich dem Bauhaus und damit einer Gruppe von Künstlern, Schriftstellern und politischen Radikalen an, die auf verschiedensten Ebenen die alte, autoritäre Ordnung anfechten.
1925 begibt sich Perls auf der Suche nach dem persönlichen Gleichgewicht in psychoanalytische Behandlung bei Karen Horney. (BÜNTIG, 1982).
Perls ist fasziniert von der Methode und bezieht sie bald in seine Praxis mit ein. Er setzt seine Analyse bei Clara Happel in Frankfurt fort Er geht nach Wien und fängt an selbst zu behandeln.

1928 geht Perls nach Berlin zurück und lässt sich als Analytiker nieder. Er hatte am eigenen Leib erfahren, wie unbewusste Motive des Menschen Handeln beeinflussen, wie vergangenen Erlebnisse das gegenwärtige Verhalten bestimmen. Doch er war unzufrieden. Alles Untertauchen in die Vergangenheit hatte ihm keinen Frieden gebracht. Sein Selbstgefühl hatte sich trotz aller Einsichten nicht wesentlich verändert.

Auf Horneys Rat wendet er sich an Wilhelm Reich und ist sofort beeindruckt von seinem neuen, fast vier Jahre jüngeren Therapeuten: Reich ist lebendig, begeisterungsfähig, offen und bereit zum Kontakt. Perls macht jetzt therapeutische Fortschritte, fängt an, sich auf sein gegenwärtiges Leben einzulassen und Verantwortung zu übernehmen: er schließt sich der antifaschistischen Bewegung an, die versucht Hitler aufzuhalten. (BÜNTIG, 1982).

Mehr noch als als Patient profitiert Perls als Therapeut von Reich. Reich machte Verbesserungsvorschläge zur klassischen Analyse. Er hatte festgestellt, dass sich jeder Patient gegen die Analyse auf charakteristische Weise wehrte, und Reich postulierte, dass in jeder Therapie erst der Charakter des Patienten, dieses System der Widerstände gegen alle unerwünschten Impulse, und erst dann die Traum- und Phantasieinhalte analysiert werden müssten.

Reich beobachtete seine Patienten. Er achtete auf Mimik, Gesten, Atem, wie Ferenczi das zwanzig Jahre zuvor schon beschrieben hatte. (FERENCZI 1912 c, S. 103 f.). Wenn ein Patient schwieg, wies Reich nicht auf den Widerstand hin, sondern beschrieb seine Wahrnehmung: »Sie atmen nicht!« oder: »Sie sehen wütend aus.«

Perls spürte die kathartische Wirkung der Reichschen Methode am eigenen Leib. Er war überzeugt, dass sie die Entladung von gestauter Energie, die Freud ursprünglich als den Heilfaktor der Analyse bezeichnet hatte, wirksamer herbeiführte, als alle verbal geäußerten mentalen Erinnerungen.

Reichs Konzentration auf den nonverbalen Ausdruck des Patienten im Hier-und-Jetzt der therapeutischen Situation war für Perls eine natürliche Fortsetzung dessen, was er als junger Mann von Max Reinhardt gelernt hatte: die Bedeutung des persönlichen Ausdrucks durch den Körper. Perls wurde ein Meister darin, kleinste unbewusste Regungen im Ausdruck des Patienten kathartisch zu nutzen. (BÜNTIG,1982).

Perls muss vor den Nazis nach Holland. 1935 geht er mit seiner Familie nach Johannesburg, wo er das Südafrikanische Institut für Psychoanalyse gründet.
Perls hat erstmals viel Erfolg, und die Familie wird wohlhabend. Seine Studien leiten ganz allmählich die Trennung von der psychoanalytischen Bewegung ein.  Trotzdem behält er seine Achtung und Anerkennung Sigmund Freuds zeitlebends bei.

1942 erscheint sein erstes Buch »Ego, Hunger and Aggression«, in dem er seine eigenen Erfahrungen mit dem, war er von Reich, den Existentialisten und den Gestaltpsychologen gelernt hat, integriert. Hier finden wir – noch nicht in allen Einzelheiten so klar formuliert wie später – alle grundlegenden Gedanken für das, was er einst »Gestalttherapie« nennt.

Er kritisiert Freud für seine einseitige Beschäftigung mit der Vergangenheit und mit mentalen Inhalten bei Vernachlässigung des Körpers, seiner Empfindungen und seines Ausdrucks. Der Bearbeitung vergangener Erfahrungen (Analyse) setzt er die bewusste Verarbeitung neuer Erfahrungen im Hier-und-Jetzt (Synthese) entgegen.

Perls geht 1946 nach New York. Karen Horney unterstützt ihn mit Anschluss und Verbindungen, und Erich Fromm, beeindruckt von »Ego, Hunger and Aggression«, verhilft ihm zu Patienten. In wenigen Wochen hat er eine gut gehende Praxis und kann ein Jahr später die Familie nachholen.

Ruth C. Cohns Begegnung mit Fritz Perls

Gemeinsam mit seiner Frau Laura Perls, die sich während ihres Studiums in Deutschland intensiv mit der Gestaltpsychologie beschäftigt hatte, entwickelt er die Gestalttherapie weiter, unter Mitwirkung von Paul Goodman und dem Psychologie-Professor Ralf Hefferline.

Ruth Cohn, Psychotherapeutin und Begründerin der Themenzentrierten Interaktion (TZI) traf Fritz Perls nach einer ersten verwirrenden Begegnung in New York 1946 in einem Workshop im Jahre 1962 wieder.

Sie schildert ihre Begegnung mit ihm folgendermaßen:

»… Er zeigte uns im Rahmen unserer gegenseitigen Demonstrationen ›Hier-und-Jetzt-Spiele‹: ›Sag deinem Partner, was dir hier-und-jetzt bewusst ist, was du wahrnimmst.‹ Eine Zufallsbegegnung mit einem mir fremden Kollegen wurde innerhalb weniger Minuten zur spannenden Beziehung. ... Dieses Hier-und-Jetzt-Spiel war etwas radikal Neues, nicht vergleichbar mit dem üblichen Wortgebrauch, z. B., dass ich ›jetzt‹ hier wohne. Hier-und-Jetzt wurde zum kleinstmöglichen Raum/Zeit-Punkt des Erlebens …. Der Hier-und-jetzt-Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft ist der einzige Augenblick im Leben, in dem ich handeln kann.

Wir brauchten viel Konzentration und Übung, um unsere konventionellen Anti-Wahrnehmungsbrillen abzunehmen.

Fritz’ Arbeit erlebte ich als genial. …

1964: Wir trafen Fritz in Chicago auf einem Kongress. Er erzählte, dass er sehr krank und dem Tod nahe gewesen war. Eine Frau, Ida Rolf, hatte ihm durch physiotherapeutische Arbeit sehr geholfen und ihm ermöglicht, seine Lebensenergie wiederzufinden. … (›Rolfing‹ wurde durch Fritz bekannt).

Nun strahlte Fritz Weisheit, Lebensmut, Zärtlichkeit aus. Er war ein Verwandelter. Einmal sagte er zu mir: ›Heute weiß ich, was los ist mit der Psychotherapie: Wir müssen die Patienten durch den „impass” führen, durch den Engpass. Ich kann das jetzt mit jedem Neurotiker – ich kann ihn in drei bis vier Monaten heilen! Die Leute haben immer gesagt, ich sei ein Genie. Ich habe das nie geglaubt. Jetzt weiß ich, sie haben recht: Ich bin ein Genie.‹

Workshop bei Fritz. Der Proband sagte, was er besprechen wollte. Oder er sagte, was er gerade wahrnahm. Oder er erzählte einen Traum. Fritz hörte zu und sah den Sprechenden an. Er stellte sich speziell auf die Aussagen, Gesten und Mimik ein, die nicht zueinander passten: ein Lächeln, das Schmerz oder Aggression verdeckte; eine kleine Bewegung, die Flucht verriet, während die Aussage von Zuneigung sprach; ein Traum, der dort abbrach, wo die Lösung hätte kommen können.

Manchmal verstärkte Fritz Unstimmigkeiten, um sie bewusst zu machen. Manchmal forderte er auf, einen Traum zu Ende zu träumen; oft bat er, verschiedene gegeneinander arbeitende Strebungen voneinander zu trennen und sie einzeln zur Darstellung zu bringen.

Solche Ambivalenzkonflikte konnten durch die Hände gespielt werden, zum Beispiel linke Hand: Ich will nicht mit meinem Mann sprechen, weil …, und rechte Hand: Ich will mit ihm sprechen, weil…Oder die zwei verschiedenen Strebungen konnten als zwei Stimmen auf Stühle gesetzt werden: Eine Stimme war dann die des Patienten von heute oder damals (als Kind), die andere gehörte zu einer anderen Person, z. B. Vater/Mutter oder auch zu einer inneren, noch nicht personifizierbaren Seite des Patienten. …«

»Der Patient konnte z. B. in seiner Phantasie zum eigenen Vater werden und zugleich dessen Sohn bleiben – so wie er die beiden in ihrer Beziehung zueinander in sich erlebt hatte. Er konnte dreijährig, siebenjährig, fünfzigjährig sein und jede dieser Altersstufen im Hier–und–Jetzt erleben…
Was geschah, war die Trennung von inneren Strebungen, die zuvor ineinander verfilzt gewesen waren und den Lebensstrom zurückgehalten hatten. Mit der Klärung beider Seiten wurde der Konflikt bewusst und damit lösbar. Oft, wenn der Patient sein Gefühl nicht ganz zulassen konnte (wollte!), forderte Fritz ihn auf, sich diesem Gefühl ganz hinzugeben: ›Sei angstvoll‹, ›Sei wütend‹, ›Lass dich sterben, stirb‹. …
Es galt nicht: ›Werde, der du bist‹, sondern ›Sei, der du bist‹. (Das Werden geschieht von selbst, wenn ich bin, wie ich bin.) – Die eigenen Gefühle zu durchleben, bedeutet nicht, dass sie ausagiert werden sollen oder müssen. Das volle Zulassen von Phantasien und/oder Gefühlen befreit die Energie für den nächsten Schritt.«

»… Mir war schleierhaft, wie Fritz mit fast mathematischer Präzision zu den offenbar lebenswichtigen ›unerledigten Geschäften‹ beziehungsweise ›dem‹ unerledigten, wichtigsten Geschäft des Patienten vordrang. Wie führte er zu dem Engpass, der den Weg zu einer wesentlichen Quelle der Lebensmöglichkeiten blockiert hatte? …
Fritz’ Wahrnehmungsfähigkeit war einzigartig. Er erspürte die jeweilige Wichtigkeit eines physiognomischen Ausdrucks oder einer minimalen Bewegung, verbaler oder nonverbaler Zeichen seiner Patienten mit einer geschulten Intuition, die wie Hexerei anmutete. Ich wusste, dass diese ›Hexerei‹ eine Kombination von Genialität, sauberen Konzepten, geschulter Intuition, lebenslangem Fleiß und ungeheuerer Erfahrung war. …«  (COHN, 1987, S. 299 ff.).

Figur und Hintergrund - Konzepte der Gestalttherapie

Der Name »Gestalttherapie« ist vom Begriff der »Gestaltspsychologie« abgeleitet. Die Gestaltpsychologie und –philosophie wurden wichtig für Perls, als er 1926 eine Assistentenstelle an Kurt Goldsteins Institut für Soldaten mit Gehirnverletzungen übernahm. (COHN, 1987. S. 315). Das Konzept der Gestaltpsychologie wurde von einer Gruppe deutscher Psychologen (M. Wertheimer, K. Koffka, K. Lewin, W. Köhler, W. Metzger) entwickelt, die auf dem Gebiet der Wahrnehmungspsychologie arbeiteten und zeigten, dass der Mensch die Gegenstände nicht als unzusammenhängende Bruchstücke wahrnimmt, sondern dass er sie im Wahrnehmungsprozess zu einem sinnvollen Ganzen organisiert. »Gestalt« ist ein holistischer, das heißt, ein Ganzheitsbegriff.

Wenn ich einen Raum betrete, nehme ich nicht lauter unzusammenhängende Dinge wahr. Ich sehe Raum und Menschen als Einheit, in der ein ausgewähltes Element in den Vordergrund meiner Wahrnehmung rückt. Die Wahl des hervortretenden Elementes ist das Ergebnis vieler Faktoren, die auf den Generalnenner Interesse gebracht werden können. Solange Interesse vorhanden ist, wird die ganze Szene sinnvoll organisiert erscheinen.

Perls gibt dazu folgendes Beispiel: »Angenommen, der Raum ist ein Wohnzimmer, und die Szene ist eine Cocktailparty. Viele Gäste sind bereits anwesend. Ein Neuankömmling betritt den Raum. Er ist chronischer Alkoholiker und braucht dringend etwas zu trinken. Für ihn wird alles – die anderen Gäste, die Sessel und Sofas, die Bilder an den Wänden – unwichtig sein und im Hintergrund bleiben. Er wird sich schnurstracks an die Bar begeben; sie wird von allen Objekten im Raum als einziges in den Vordergrund treten.

Jetzt kommt ein weiterer Gast. Es ist eine Malerin, und die Gastgeberin hat gerade eins ihrer Werke erworben. Ihr Hauptanliegen ist es, herauszufinden, wie und wo ihr Bild hängt. Sie wird das Gemälde unter allen Objekten im Raum auswählen. Wie der Alkoholiker wird sie von den Leuten überhaupt nicht berührt sein, sie wird auf ihr Bild zusteuern wie eine Taube zum Taubenschlag.

Oder nehmt den Fall des jungen Mannes, der auf die Party gekommen ist, um seine Freundin zu treffen. Er wird die Menge durchkämmen, er wird zwischen den Gesichtern suchen, bis er sie gefunden hat. Sie wird die ›Figur‹ bilden, alles übrige den Hintergrund.

Für den umherschweifenden Gast, der von Gruppe zu Gruppe wechselt und von einer Unterhaltung zur nächsten, von der Bar zum Sofa, von der Gastgeberin zur Zigarettendose, wird der Raum zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich aussehen. Während er mit einer Gruppe redet, wird sie und die Unterhaltung ›Figur‹ sein. Wenn er sich, gegen Ende des Gesprächs, müde fühlt und sich entschließt, sich hinzusetzen, wird der eine leere Platz auf dem Sofa als ›Figur‹ hervortreten. Da sein Interesse wechselt, ändert sich seine Wahrnehmung des Raumes, der Leute und der Gegenstände, sogar seiner selbst. ›Figur‹ und Hintergrund werden ständig vertauscht, sie bleiben nicht statisch, wie beispielsweise für den jungen Liebhaber, dessen Interesse fixiert und unwandelbar ist.

Nun kommt der letzte Gast. Er wollte zuerst gar nicht kommen (wie viele von uns bei Cocktailpartys) und hat an dem ganzen Verlauf kein wirkliches Interesse. Für ihn bleibt die ganze Szene ungegliedert und bedeutungslos, wenn nicht etwas geschieht, was sein Interesse und seine Aufmerksamkeit auf sich lenkt.« (PERLS, 1989. S. 21).

Was beinhaltet des gestalttherapeutische Konzept von Figur und Hintergrund?

  • Wahrnehmungen oder Ereignisse sind Gestalten in ihrer Ganzheit von Vordergrund (Figur) und Hintergrund. Dies gilt für Wahrnehmungen im räumlichen Sinn ebenso wie für Lebensereignisse im zeitlichen Sinn.
  • Die Umkehrbarkeit von Figur und Hintergrund ist die Wurzel der Veränderlichkeit des Lebens. Im Idealfall würde es keine Erfahrung aus dem Grund der Existenz geben, die unter den richtigen Bedingungen nicht figürlich werden könnte. (POLSTER und POLSTER, 1983. S. 44).
  • Eine gegenwärtig als unvollendet erlebte Gestalt aus der Vergangenheit drängt nach Klärung und Vollendung. Ein ›unerledigtes Geschäft‹ lässt uns nicht los, bindet unsere Gefühle, Gedanken und Energien und behindert den Lebensstrom. (COHN, 1987. S. 315).

Unerledigte Geschäfte in der Gestalttherapie

Dazu folgende Geschichte, die abwechselnd Bach, Händel oder  Haydn zugeschrieben wird, die berichtet, wie der Meister gerade zu Bett gehen will, als er unten einen Freund Klavier spielen hört. Der Freund spielt wunderbar, die Musik erreicht einen Höhepunkt, endet aber abrupt mit einem Dominantakkord, obwohl in jenen Tagen ein Dominantakkord unausweichlich in den Grund-  und Schlussakkord zurückführen musste. Ruhelos wirft sich der Meister in seinem Bett herum und findet solange keinen Schlaf, bis er schließlich die Treppen herunterstapft und die Melodie zu einem richtigen Schluss bringt. (POLSTER und POLSTER, 1983. S. 44).

Jede Erfahrung bleibt unvollständig, bis man mit ihr fertig ist. Die meisten Menschen verfügen über eine große Belastbarkeit hinsichtlich unerledigter Situationen – glücklicherweise, denn im Verlauf eines Menschenlebens wird es eine ganze Anzahl von ihnen geben. Trotzdem – diese unvollständigen Entwicklungen suchen ihre Vervollständigung; und wenn sie stark genug werden, wird der Betreffende von Zerstreutheit zwanghaftem Verhalten, übermäßiger Vorsicht, bedrückender Energie und einer sinnlosen Geschäftigkeit befallen.

Die Nymphomanin, die sich immer wieder neue Liebhaber nimmt, weil sie wohl dadurch Gefühle  zu erfahren sucht, die ihr Befreiung und Erfüllung bringen werden, sowie der Mensch, der immer wieder dasselbe erzählt, da er das Gefühl hat, man habe ihm nie zugehört oder er habe die Sache nicht richtig berichtet – sie leben alle beide ihre unerledigten Geschäfte aus. Der sogenannte neurotische Wiederholungszwang erscheint als ein energie- und richtungsgehemmter Versuch, ein unerledigtes Geschäft zu beenden.

›Ich habe meinem Vater niemals von meinen Gefühlen erzählt‹; ›ich wurde erniedrigt, als ich Beachtung suchte‹; ›ich wollte Künstler werden, aber sie zwangen mich, Medizin zu studieren‹ – das sind altbekannte Klagen für den Psychotherapeuten. Wenn diese unerledigten Situationen stark genug sind, kann der Betreffende niemals befriedigt werden, gleichgültig, wie erfolgreich er auf Ersatzgebieten sein mag. Er muss mit ihnen abschließen – in der Gestalttherapie sagen wir: eine offene Gestalt muss geschlossen werden – indem er entweder zu ihnen zurückkehrt oder sie mit parallelen Umständen in der Gegenwart in Verbindung bringt. (POLSTER und POLSTER, 1983. S.46 f.).

Wenn einmal der Abschluss erreicht ist, wenn die Gestalt geschlossen ist, und in der Gegenwart vollständig erfahren werden kann, hört man auf, sich mit dem alten unerledigten Material zu beschäftigen, und wendet sich den gegenwärtigen Möglichkeiten zu. (POLSTER und POLSTER, 1983. S.46 f.).

Sich der Gegenwart bewusst sein

Hier-und-Jetzt

Damit kommen wir zum Hier-und-Jetzt-Prinzip der Gestalttherapie. In der heutigen Zeit haben viele Menschen das Gefühl, in einem Zustand stecken geblieben zu sein in dem man sich auf Ereignisse vorbereitet. Man plagt sich das ganze Jahr hindurch für einen herrlichen zweiwöchigen Urlaub ab, der wie das Licht am Ende eines langen, dunklen Tunnels leuchtet.

Zeitlebens schränkt man sich in der Vorfreude auf einen unbeschwerten Lebensabend ein. Eine endlose Abfolge von Schulzimmern, Hörsälen, Kirchen, Museen, Konzertsälen und Bibliotheken verspricht, einen das Leben zu lehren. Und häufig wird das Lernen selbst noch nicht einmal als selbständiger Teil des Lebens aufgefasst.

Das wahre Leben soll erst irgendwann einmal in der Zukunft beginnen – nach dem Universitätsabschluss, nach der Heirat, wenn die Kinder erwachsen sind oder auch, für einige Menschen, wenn sie die Psychotherapie abgeschlossen haben.

Für zukünftiges Glück, für das eigentliche Leben, bezahlt der heutige Mensch damit, dass er gegenwärtige Gefühle verleugnet oder abtötet. Aber selbst wenn er das Gelobte Land erreicht, so begleitet ihn in die Zukunft, die nun endlich Gegenwart geworden ist, ein unwillkommenes Nebenprodukt seines Abkommens: die Gewohnheit, seine gegenwärtigen Erfahrungen herabzusetzen. Er beginnt immer noch nicht, wirklich zu leben, er hält sich immer noch zurück! (POLSTER und POLSTER, 1989, S. 15f.).

Für die Gestalttherapie liegt die Stärke in der Gegenwart. Der Vorrang der Gegenwart ist fast unlösbar mit dem Vorrang der Erfahrung verbunden. Die Gestalttherapie ist eher eine experimentelle als eine verbale oder interpretative Therapie.

»Vom Blickpunkt der Gestalttherapie aus ist der Neurotiker nicht einfach eine Person, die einmal ein Problem hatte; er ist eine Person, die ein dauerndes Problem, jetzt und hier in der Gegenwart, hat. Es kann wohl sein, dass er heute so handelt, wie er es tut, ›weil‹ ihm Dinge in der Vergangenheit passiert sind; seine heutigen Schwierigkeiten stehen aber im Zusammenhang mit seinem heutigen Handeln.« (PERLS, 1989. S.81).

Sich erleben

Es muss Ziel der Therapie sein, dass der Patient so viel von sich erfährt, wie er kann. Er muss sich selbst so stark er kann im Hier-und-Jetzt erleben. Wenn er erfährt, auf welche Weise er sich daran hindert, jetzt zu ›sein‹, wie er sich blockiert, wird er auch anfangen, das Selbst zu erleben.

Wenn der Patient überhaupt das Buch seiner alten Probleme endgültig schließen soll, dann muss er es in der Gegenwart tun. Es reicht nicht, eine Szene wieder und wieder zu erzählen. Er muss sie erleben. Er muss hindurchgehen und die blockierten Gefühle assimilieren.

Man muss zu den vergangenen Vorfällen psychodramatisch zurückkehren. Genau wie das Reden über sich selbst Widerstand bedeutet gegen die Erfahrung seiner selbst, lässt die Erinnerung eines Erlebnisses – das Gerede darüber – es isoliert liegen als eine Ablagerung der Vergangenheit, tot wie die Ruinen von Pompeji. (PERLS, 1989. S. 81 ff.).

Awareness

Der Therapeut lässt sich im Prozess von dem leiten, was er an dem Patienten beobachtet. Er wird zum Resonanzkörper für alles, was sich zwischen ihm und dem Patienten abspielt. Er versucht, dem Patienten durch seine Interventionen zur Bewusstheit (awareness) zu verhelfen.

Bewusstheit (awareness) geht über das Bewusstsein (consciousness) hinaus: bei der Bewusstheit im Sinne einer wachen Aufmerksamkeit handelt es sich um ein zentrales Konzept der Gestalttherapie. Awareness ist der Zustand des lebendigen Organismus, der mit sich und der Umwelt in Kontakt ist, ohne dass Blockierungen wie z. B. die neurotischen Mechanismen die bewusste Wahrnehmung seiner selbst und des anderen trüben oder einschränken. Bewusstheit »per se« ist nach Auffassung der Gestalttherapie schon heilend.

Diese Konzentrationstechnik, die fokussierte Bewusstheit, ist ein Werkzeug, in der Therapie nicht so sehr in die Breite als in die Tiefe zu wirken. Durch die Konzentration auf jedes Symptom, auf jeden Bewusstheitsbereich lernt der Patient Verschiedenes über sich und seine Neurose. Er lernt, was er gerade erfährt. Er lernt, wie er es erfährt. Und er lernt, wie seine Gefühle und sein Verhalten in einem Bereich mit seinen Gefühlen und seinem Verhalten in einem anderen Bereich in Beziehung stehen. (PERLS, 1989).

Perls ist überzeugt, dass nur die Bewusstheitstechnik wirkliche therapeutische Resultate erzielen kann. Überzeichnend meint er, dass – außer bei besonders gestörten Patienten – drei Fragen als Ausrüstung für den Therapeuten ausreichen würden: »Was tust Du?«, »Was fühlst Du?« und »Was möchtest Du?« Die verbalen Antworten des Patienten mögen vom Intellekt kommen, aber die Gesamtreaktion ist Ausdruck der ganzen Persönlichkeit. Fast immer wird es eine zusätzliche Reaktion geben. Jede dieser nonverbalen Reaktionen ist viel wichtiger als die verbale Antwort. Der Therapeut wird sozusagen zum Vergrößerungsspiegel für den Patienten. Er kann nicht Entdeckungen für den Patienten machen, er kann dem Patienten nur den Prozess erleichtern. Da Kontakt sich immer an der Oberfläche ereignet, muss der Therapeut vor allem die Oberfläche beachten.

Phänomene und Strukturen

An der Oberfläche nehmen wir Phänomene war. Ein Phänomen ist etwas, was mir auf der Ebene des Alltagswissens nicht im Ernst bezweifelbar erscheint. (HERMANN SCHMITZ). Die wahrgenommenen Phänomene ordnen wir auf unserem Erfahrungshintergrund zu Strukturen: Wir gehen von den Phänomenen zu den Strukturen. Die Gestalttherapie ist eine phänomenologische Methode.

Mit Strukturen sind Strukturen des Verhaltens (Verhaltensmuster), Denkens oder Fühlens. gemeint. Wir verdeutlichen dem Patienten die Phänomene, die wir an der Oberfläche wahrnehmen, und wir versuchen in einem Korrespondenz-Prozess gemeinsame Erkenntnisse über Verhaltens–, Denk– oder Gefühlsstrukturen zu erschließen. Von den Strukturen, die wir im Hier–und–Jetzt der Therapiesitzung erschließen, können wir im Rahmen einer »Tiefung« auf die biographische Ebene zurückblenden. Dort stoßen wir möglicherweise dann auf »unerledigte Geschäfte«, die wir im Laufe der Therapie dann abzuschließen versuchen.

Über den bezeichneten Weg »Von den Phänomenen zu den Strukturen« gelingt es uns viel leichter, im Konsens mit dem Patienten –  und ohne den Widerstand vorzeitig zu provozieren –  biographische Zusammenhänge zu ergründen. Dies würde uns weniger gut gelingen können, wenn wir gleich nach den Ursachen fragen würden. (»Warum versagt Ihnen denn immer die Stimme, wenn Sie vor Ihrem Chef stehen?«).

Dazu Perls: »Wenn wir unsere Zeit damit vergeuden, nach Ursachen zu suchen, anstatt nach Strukturen, können wir ebenso gut jeden Gedanken an Therapie aufgeben und uns der Gruppe klagender Großmütter zugesellen, die ihr Opfer mit so sinnlosen Fragen wie ›Warum hast du dich erkältet?‹, ›Warum warst du so unartig?‹ attackieren.« (PERLS , 1989. S. 96 f.).

Interpretationen, über die man im Prozess keinen Konsens mit dem Patienten erzielen konnte, führen selten weiter. »Solange man solche Patienten, vor allem emotional blockierte, mit Interpretationen füttert, werden sie sich wieder behaglich in den Kokon ihrer Neurose einkuscheln und da unter friedlichem Schnurren bleiben.« (PERLS , 1989. S. 96 f.).

Gestalttechniken

Bewusstheit (awareness), so haben wir gehört, ist nach Auffassung der Gestalttherapie heilend. Wenn die Gestalttherapie allein mit der Bewusstheitstechnik arbeiten würde, gäbe es eine Grenze: Es würde wahrscheinlich Jahre dauern, Resultate zu erzielen, genau wie in der Psychoanalyse.

Gestalt ist keine Technik, kein therapeutisches Schnellverfahren, sondern ein ernster Weg, sich selbst zu finden und zu wachsen,  aber die Gestalttherapie benutzt bestimmte Techniken als »Abkürzungswege zur Bewusstheit«. Perls beschreibt als »Abkürzungswege zur Bewusstheit« u. a. die Schweiftechnik und das Psychodrama. Ich möchte darauf nur kurz hinweisen. »Schweiftechnik« kann bedeuten, dass man den Patienten zwischen Vorstellung und Körpergefühlen hin- und herpendeln lassen, bis die Beziehung zwischen beiden deutlich wird. Eine »berühmte« gestalttherapeutische Abwandlung des Moreno’schen Psychodramas ist der »leere Stuhl«, der z. B. helfen kann, Introjekte zu trennen und bewusst zu machen.

Natürlich ist auch jede gute Intervention des Therapeuten ein solcher Abkürzungsweg, wie z. B. unterstützen, provozieren, konfrontieren, Arbeit an sprachlichen Äußerungen, Einsatz von kreativen Medien (Farben, Bilder, Lebenspanorama, Ton, Musik, Fotos, Puppen, Märchen, Tanz, Bewegung, Träume, Imagination …). Kreative Medien spielen in einer Fortentwicklung der Gestalttherapie, der Integrativen Therapie, eine besondere Rolle.

Integrative Therapie


Das therapeutische Verfahren der Integrativen Therapie wurde von Petzold und Mitarbeiten im Rahmen des »Fritz-Perls-Institutes für Integrative Therapie, Gestalttherapie und Kreativitätsförderung« auf der Grundlage der Verfahren »dramatischer Therapie« entwickelt: dem Psychodrama Morenos, dem Therapeutischen Theater Iljines und der Gestalttherapie von Perls.

Zudem findet Sándor Ferenczis Gedankengut der »Aktiven Psychoanalyse« besonderen Einfluß. Beim integrativen Ansatz handelt es sich nicht um einen Methodeneklektizismus, er versucht vielmehr, die bedeutsamen methodologischen Anteile der genannten Therapieverfahren in einen gemeinsamen theoretischen Rahmen zu stellen.  (PETZOLD, 1980. S. 223 ff.). Die Gestalttherapie ist nur eine – wenn auch wichtige – Quelle heutiger Integrativer Therapie.

Verwendete Literatur

Literatur

Für den Beitrag über Integrative Gestalttherapie verwendete Literatur:

BÜNTIG, Wolf E.: Die Gestalttherapie Fritz Perls’. In: Eicke, Dieter (Hrsg.): Sigmund Freud – Leben und Werk. (Kindlers »Psychologie des 20. Jahrhunderts «: Tiefenpsychologie  Bd. IV). Weinheim, Basel. Beltz, 1982. S. 534–556.

COHN, Ruth C. und A. FARAU: Gelebte Geschichte der Psychotherapie. Zwei Perspektiven. Stuttgart. Klett-Cotta, 1987.

FRÜHMANN, Renate (1991): Wandel der Theorie. In: Petzold, Hilarion und Johanna Sieper (Hrsg.): Integration und Kreation (2 Bde.). Paderborn, Junfermann-Verlag, 1993. S. 351-357.

HEINL, Hildegund (1992): »Therapie vom Leibe her« – körperbezogene Behandlung in der Praxis.  In: Petzold, Hilarion und Johanna Sieper (Hrsg.): Integration und Kreation (2 Bde.). Paderborn, Junfermann-Verlag, 1993. S. 341-350.

PERLS, Fritz (1989): Grundlagen der Gestalt-Therapie. Einführung und Sitzungsprotokolle. München, Verlag J. Pfeiffer, 1976. 7. Auflage 1989.

PETZOLD, Hilarion (1980): Die Rolle des Therapeuten und die therapeutische Beziehung in der Integrativen Therapie. In: Petzold, Hilarion (Hrsg.): Die Rolle des Therapeuten und die therapeutische Beziehung in der Integrativen Therapie. Paderborn, Junfermann-Verlag, 1980. S. 223-290.

PETZOLD, Hilarion (1985): Gestalttherapie – Wege und Horizonte.  In: Petzold, Hilarion und Christoph J .  Schmidt (Hrsg.): Gestalttherapie – Wege und Horizonte. Paderborn, Junfermann-Verlag, 1985. S.75-94).

PETZOLD, Hilarion und Christoph J .  SCHMIDT (Hrsg.): Gestalttherapie – Wege und Horizonte.  Paderborn, Junfermann-Verlag, 1985.

PETZOLD, Hilarion : Integrative Therapie. (3 Bde.). Paderborn, Junfermann-Verlag, 1993.

POLSTER Erving und Miriam POLSTER (1983): Gestalttherapie. Theorie und Praxis der integrativen Gestalttherapie. Frankfurt am Main, Fischer 1983.

PORTELE, Gerhard: Der Mensch ist kein Wägelchen – Gestalttherapie und Autopoiese. In: Petzold, H. und C. J .  Schmidt (Hrsg.): Gestalttherapie – Wege und Horizonte.  Paderborn, Junfermann-Verlag, 1985. S. 135–151.

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